Starring Leni Willows ... Ellen Pompeo Brian Moore ... Brian Molko Amy Lu ... Lucy Liu Tamara Jones ... Bethany Joy Galeotti ("One Tree Hill") Enid Jones ... Felicity Huffman ("Desperate Housewives") Tess Montgomery ... Christina Ricci ("Girl Interrupted")
Der Mensch ist keine Maschine. Egal, was uns Tom Cruise oder Kraftwerk weismachen wollen. Der Tag hat nur so und so viele Stunden und es gibt nur so und so viel, was der Mensch schaffen kann. Wenn nicht, dann bricht er zusammen.
„Hallo?“, Leni Willows hob ihr Handy ab, während sie sich in der Umkleide ihre Arztkleidung überwarf. Mit dem Handy von der Schulter gegen das Ohr gedrückt, schnürte sie sich gerade die Schuhe zu und wartete auf eine Regung von Amy Lu, die auf der anderen Leitung war. Es kam aber nichts außer ein Weinen. Ein whiskeyschwangeres Weinen, das erkannte Leni sofort: „Amy, bist du betrunken?“ „Es ist alles soooo schreeecklich!“, kam es dann endlich von ihr. „Ah ja. Was genau?“, Leni setzte sich auf die Bank vor ihrem Spind und starrte sich in der Reflexion des Schrankes an. Ihr Spiegelbild war zwar leicht verzerrt, aber die tiefen Augenringe konnte man trotzdem erkennen. Sie brauchte Urlaub. Dringend. Und genau den würde sie nie, nie bekommen, jedenfalls nie, wenn es gerade passte und nötig war. „Sebastian ist weg, meine Wohnung ist so leer und mein Boss hasst mich!“, heulte Amy. „Wer wird nicht von seinem Boss gehasst?“, Leni rollte mit den Augen. Amys Kinkerlitzchen. Wenn sie wirklich Probleme hatte, sollte sie einen Glückskeks a la „Freaky Friday“ auftreiben und einfach mal mit Leni die Rollen tauschen. Wie zur Bekräftigung ihres Gedanken begann ihr Pager zu brummen. „Du, ich muss auflegen, so leid es mir tut, aber ich muss ein Leben retten.“, eilig legte Leni auf, warf einen kurzen Blick auf ihren Pager und rannte los.
„Was ist passiert?“, rief Leni schon als sie noch einige Meter entfernt war. Hätte sie mehr Zeit gehabt, dann hätte sie es genossen, dieses Rennen um die Zeit, das damit verbundene Adrenalin, das ganz eigene große Kino. Aber schließlich und endlich ging es ja um jede Minute und so raste sie einfach auf den Trupp an Krankenschwestern, Ärzten, Sanitäter, die rund um ein Bett standen. In ihm lag ein blasses, blondes Mädchen. „Sie hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Pulsader, das übliche. Ritzt sich anscheinend schon seit längerem.“, kam die Prognose eines Sanitäters. Irgendjemand heulte auf, anscheinend die Mutter, die sie gefunden hatte, ebenfalls blond, aber wesentlich gesünder aussehend. Na ja, kein Kinderspiel, ihre Tochter hatte ja schlussendlich auch einen Suizidversuch hinter sich. Leni fokussierte sich deswegen nur auf sie, blendete die ganze Welt aus.
Unser Robotermodus zwingt uns zum Handeln, ohne groß nachzudenken. Wir hinterfragen unsere Rolle in dieser Welt schon lange nicht mehr.
Als die Welt sich langsam wieder in Tamara Jones’ Bewusstsein einblendete, war das erste, was sie hörte, die Stimme ihrer Mutter: „Sie arbeitet so viel. Sie redet nie darüber, aber ich merke es doch, wenn sie erst um zehn Uhr nachts heimkommt. Tamara wird mal eine bedeutende Anwältin, wissen Sie?“ „Das werden sie alle.“, Leni Willows’ Stimme klang gefühlskalt, aber eigentlich war sie nur geübt im Umgang mit Eltern, die vor lauter Angst und Schrecken hysterisch waren und weinten. Tamaras Mutter schien gar nicht aufhören zu weinen. Leni fragte sich insgeheim, ob ein Regentanz fehl gelaufen war oder warum sonst jeder auf die Tränendrüse drückte. „Nein, sie ist wirklich klug, hat alles in sich reingepumpt. Sie arbeitet sich auf! Und dann hat auch noch ihr Freund Schluss gemacht, hat sie betrogen, wissen Sie… das arme Mädchen, sie hat ihn so geliebt.“, meinte Enid Jones. Tamara sah durch die halb geöffneten Augenlider, wie ihre Ärztin, eine dürre Dunkelblonde, nickte: „Unterstützen Sie und Ihr Mann Tamara denn?“ „Wir… sind geschieden.“, sagte Enid nach einer kleinen Pause. Ihr Gesicht war ganz rot und aufgequollen. „Sie haben nichts von den Schnittwunden an den Armen und Beinen ihrer Tochter gemerkt?“, fragte Leni weiter. Ihre Mutter schnäuzte sich geräuschvoll: „Es war kalt in letzter Zeit und sie trägt oft langärmlige Blusen.“ „Hmm.“, Leni nickte, „Vielleicht wäre es besser, Mrs. Jones, wenn Sie sich mal eine Pause gönnen. Ich bin ja hier, falls Ihre Tochter aufwacht.“ „Sicher.“, Tamaras Mutter nickte zerstreut und wandte sich tatsächlich zum Gehen. Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, klappte Tamara ihre Augen noch ganz auf. Sie spürte nichts, keinen Schmerz. Vielleicht lag an das Medikamenten? Sie merkte nur, dass ihre Arme dick einbandagiert waren und sie sich wie in Watte gebettet fühlte. Das machte ihr Angst. Es nahm ihr die Kraft, irgendetwas anderes zu tun. Sie war machtlos und das gefiel ihr nicht. Sie hätte sich auch nie wirklich umgebracht, ihr war tatsächlich nur das Messer ausgerutscht. Immerhin war das ihre Möglichkeit, Stress abzubauen, nicht, um tatsächlich ihr Leben zu beenden. Allerdings würde sie das nie, nie zu geben. Das würde ihre perfekte Fassade zerstören. „Wie geht es dir?“, fragte Leni. Ihre Stimme klang jetzt weicher, nicht mehr ganz so professionell. Der Fall der jungen Blondine war also doch nicht ganz spurlos an ihr vorbeigegangen. Tamaras Augen blitzten stolz auf, als sie hochmütig antwortete: „Gut.“
Das Thema wurde tot geschwiegen, aber Leni wusste, dass es trotzdem ein Problem war: Ritzen. Keine stylische Sucht, die mittlerweile Emos zugeschrieben wurde. Derweil kam sie einher mit Borderline, Depressionen, Magersucht, jeder konnte die Lust darauf bekommen und sich schwer verstümmeln. Leni konnte sich an Michaels Schwester erinnern, Tess. Tess, die hübsche, schlanke, brünette, deren Arme stets aufgeschürft waren. Einmal hatte Leni sie auf der Schultoilette darauf angesprochen. „Ist es wegen deinen Eltern?“, fragte Leni und nickte Tess’ Arm zu. Sie wusste, dass Tess und Michael manchmal mit den Vorstellungen ihrer Eltern, reiche Kalifornier, Probleme hatten, weil Tess sich nicht dem Druck von Debütantinnenball und Vorzeigefreund beugen wollte. „Das geht dich nichts an!“, hatte Tess geschnauzt, sich eine kleine Träne aus den Augenwinkeln gewischt und war davon gerannt. Das war das letzte Mal, dass Leni mit ihr gesprochen hatte, kurz darauf war Tess ins Internat gekommen. Ob sie dort aufgehört hatte? Oder irgendwann zu harten Drogen gewechselt war? Leni war zu selbst mit ihrem eigenen Stress beschäftigt gewesen, um sich um Michaels kleine Schwestern zu kümmern. So war es ja meistens. Jeder kämpfte für sich selbst.
Nach der Arbeit ging Leni noch zum Laufen. Sie rannte den Hudson River rauf und runter, bis sie schließlich das Gefühl hatte, wieder zu sich gekommen zu sein. Tamaras Antwort hatte sie schockiert. Da war so viel, das unter ihrer Oberfläche brodelte, und das Mädchen war sich einfach zu fein dafür, es rauszulassen – was Leni mächtig verärgerte. Erst unter der Dusche wurde sie ruhiger. Als sie sich dann in ein kuschelweiches, weißes Handtuch von ABC Home warf, ging es ihr tatsächlich besser. In diesem Moment klopfte Brian. „Auch schon zu Hause?“, fragte er, als er hereinlugte. „Ja, ich war noch Laufen.“, erklärte Leni. Skeptisch sah Brian sie an: „Hältst du das für eine gute Idee.“ „Hmm.“, Leni schob sich eine nasse Strähne aus dem Gesicht. Normalerweise sank sie auch eher lieber ins Bett, als sie noch nach der Arbeit zu bewegen, aber das hatte sie eben gebraucht. Ein Zeichen ihres Körpers, dass sie noch längst nicht am Ende war. Einwandfrei funktionierte. „Was willst du überhaupt?“, Leni runzelte die Stirn, bevor sie ihre Haut mit Anti-Faltencreme, die sie seit ihrem 18. Lebensjahr benutzte, bearbeitete. „Lola hat angerufen. Ich soll dir ausrichten, dass Tamara – wer auch immer das sein soll – von ihrem Bett aus arbeitet, mit dem Blackberry und so. Nicht, dass ich wüsste, warum du diese Information in deiner Freizeit brauchst.“, Brian zuckte mit den Schultern. Leni ließ die Cremedose sinken: „Was? Ich fahr gleich hin.“ „Wo fährst du hin?“, Brian hob die Augenbrauen. „In die Arbeit.“, Leni zischte auch schon ins Schlafzimmer ab, um sich schnell anzuziehen. „Warum fährst du nach Dienstende noch ins Krankenhaus?“, wunderte Brian sich, leicht genervt. „Damit mein Pager mir nicht noch mal den Suizidversuch eines überdrehten Mädchens anzeigt!“, rief Leni zurück. „Selber überdreht.“, seufzte Brian, lächelte aber. Es war besser geworden, zumindest seit ihrem Schwächeanfall, Leni hatte sich wirklich zurückgehalten. Und vom Ritzen war sie sowieso meilenweit entfernt. „Selber überdreht!“, äffte Leni ihn nach. Ja, ihr ging es eigentlich ganz gut.
Es gibt einen Punkt, an dem man einsehen muss, dass man auch nur ein Mensch ist. Und genau diesen Punkt brauchen wir, um echte Gefühle zu zeigen.
„Ich kenne Mädchen wie dich.“, Leni setzte sich auf die Bettkante ihrer Patientin und sah Tamara lange an, „Und ich finde euch egoistisch. Ich mag euch, aber ehrlich gesagt, ihr übertreibt euer Leid.“ „Na hören Sie mal…“, setzte Tamara an, bestürzt darüber, was Leni ihr zu sagen versuchte. „Nein, hör mir zu. Willst du deine Eltern zwingen, im selben Bett zu schlafen und so zu tun, als wäre alles in Ordnung? Sie lieben sich nicht mehr, aber das heißt ja nicht, dass sie dich nicht mehr lieben. Dasselbe gilt für deinen Ex-Freund. Ich bin zwar noch nie für eine andere verlassen worden, aber ich kenne das Gefühl, das man bekommt, wenn man darüber nachdenkt, was denn sein würde, würde er gehen. Und natürlich ist es nicht schön und tut verdammt weh, aber es ist besser, als bis zum Lebensende mit irgendeinem Loser zusammen zu sein, der einen total bescheißt und zum Narren hält!“, Leni atmete tief durch, „Das ist das eine. Das andere ist der Druck, den du dir selbst auferlegst. Und du liegst noch nicht mal falsch damit, im Gegensatz zu deinen Annahmen, was Familie betrifft. Denn du hast Recht, von uns wird verlangt, perfekt zu sein. Alles zu meistern, was sich uns in den Weg stellt. Und das ist gar nicht mal so einfach.“ „Sie haben ja Recht.“, Tamara zuckte mit den Schultern. Sie war ganz kleinlaut geworden, während die Worte aus Leni herausgeschossen waren - und sie direkt im Herz getroffen hatten. Zögernd, über ihren eigenen Schatten springend, erklärte sie: „Wenn ich die Wahrheit sagen müsste, würde ich eventuell zugeben, dass es mehr der Druck ist als die Trennung von ihm, der mir zuviel geworden ist.“ „Ja, das würdest du eventuell zugeben, aber du bist zu stolz. Wir alle sind zu stolz, um uns Hilfe zu holen. Hilfe von Leuten, die eben nicht diese Probleme haben, weil sie irgendwie nicht von dieser Welt sind. Therapeuten. Dafür sind sie ja da. In einer Zeit, in der Depressionen Volkskrankheiten sind, sollte man nicht zu stolz sein, sondern das Angebot zur Hilfe annehmen, Tamara. Was meinst du? Ich such dir eine schicke Therapeutin aus. Eine, die dir kein schickes Prozac verschreibt, sondern die dir wirklich hilft.“, schlug Leni vor. „Das wäre toll.“, Tamara lächelte leicht. „Und unter uns gesagt, die Schnitte sind extrem hässlich.“, Leni zwinkerte. „Ich weiß.“, Tamaras Lächeln wurde schief. „Dann hör mal auf dich selbst. Du bist verdammt klug. Hör auf dich und nicht auf die anderen.“, Leni grinste, „Außer natürlich auf deine Ärztin.“